KI-Übersetzung im Unternehmen: Was eine eigene Plattform besser macht.

Ein Produktkatalog soll in fünf Sprachen erscheinen. Das Angebot des Dienstleisters liegt im fünfstelligen Bereich, die Lieferzeit bei mehreren Wochen. Beides ist eingeplant. Was nicht eingeplant ist: Drei Wochen später ändern sich zwei Preise und eine Bauteilbezeichnung. Der Katalog muss in fünf Sprachen nachgezogen werden und die Rechnung beginnt von vorn. Diese Situation ist der Grund, aus dem Unternehmen über eigene Übersetzungsplattformen nachdenken. Externe Übersetzerinnen und Übersetzer leisten dabei hervorragende Arbeit, und ihre fachliche Prüfung bleibt wertvoll. Der Beauftragungsprozess drumherum ist allerdings für Dokumente gebaut, die einmal entstehen und dann fertig sind, und die meisten Unternehmensdokumente sind genau das nicht.

Was Übersetzung derzeit kostet

Abgerechnet wird in Deutschland traditionell je Normzeile, also je 55 Zeichen einschließlich Leerzeichen, meist auf Basis des übersetzten Textes. Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer nennt diese Grundlage, die veröffentlichten Preisspannen von Dienstleistern liegen für gängige Sprachen bei etwa einem bis zwei Euro pro Normzeile oder 0,14 bis 0,25 Euro pro Wort. Das Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz, das oft als Orientierung dient, setzt rund 1,95 Euro pro Normzeile an, bei nicht editierbaren Vorlagen etwa 2,10 Euro. Eilzuschläge bewegen sich im deutschen Markt zwischen 25 und 50 Prozent.

 

Was heißt das für ein reales Dokument? Eine Preisliste mit rund 100 Seiten enthält nach unseren Messungen etwa 5.500 übersetzbare Textabschnitte mit durchschnittlich 23 Zeichen, in Summe also grob 126.000 Zeichen. Das sind etwa 2.300 Normzeilen. Bei einem bis zwei Euro liegt eine Zielsprache damit bei 2.300 bis 4.600 Euro. Fünf Sprachen ergeben 11.500 bis 23.000 Euro, bevor über Eilzuschläge und über die Nacharbeit im Layout gesprochen wurde.

 

Diese Rechnung ist eine Orientierung und kein Angebot. Rahmenverträge, Mengenrabatte und Translation-Memory-Gutschriften senken den Betrag deutlich. Der interessante Punkt liegt ohnehin woanders: Jede Änderung im Ausgangsdokument startet einen neuen Vorgang und jeder Vorgang braucht Kalenderzeit. Wer diese Zeit auf Minuten verkürzt, gewinnt vor allem Aktualität, weil Korrekturen dann tatsächlich gemacht werden.

Warum ein Sprachmodell allein das nicht löst

Die naheliegende Antwort lautet: dann eben mit KI. Ein Sprachmodell übersetzt einen Absatz heute zuverlässig und der erste Test überzeugt fast immer. Im Unternehmen kommen dann zwei Anforderungen dazu, die ein einzelner Absatz nicht sichtbar macht. Die erste ist das Dokument. Gebraucht wird selten ein Textfeld, sondern eine Datei, die nach der Übersetzung wieder aussehen soll wie vorher. Übersetzter Text ist meist länger als das Original, in einzelnen Segmenten um rund 30 Prozent und eine Tabellenzelle wird davon nicht breiter. Wer das Layout nicht mitdenkt, verlagert die Arbeit nur ins Desktop-Publishing.

 

Die zweite ist die Steuerung. Solange jede Abteilung ihre eigenen Anweisungen an ein Modell formuliert, sind Ergebnisse nicht reproduzierbar. Zwei Personen, dieselbe Vorlage, zwei verschiedene Fassungen. In einem Marketingtext ist das ärgerlich, in einer Betriebsanleitung, einem Vertrag oder einem Sicherheitsdatenblatt ist es ein Prozessrisiko. Öffentliche Übersetzungsdienste helfen hier nicht weiter: Sie kennen die Organisationsstruktur nicht, sie unterscheiden nicht zwischen Anwendungsfällen mit unterschiedlichem Risiko, sie ordnen Kosten keiner Kostenstelle zu und ihr Verhalten lässt sich nicht einstellen.

Was eine Plattform leisten muss

Aus unserer Projektarbeit lassen sich vier Anforderungen ableiten, die in fast jedem Unternehmen auftauchen.

  • Unterschiedliches Verhalten je Fachbereich. Eine Rechtsabteilung braucht wörtliche Präzision und formelle Anrede, Marketing braucht Tonalität, die technische Dokumentation braucht Konsistenz. Dahinter steht jeweils ein anderes Übersetzungsverhalten und nicht bloß ein anderer Text.
  • Terminologie, die nicht driftet. Produktnamen, Bauteilbezeichnungen und rechtliche Begriffe müssen über alle Dokumente hinweg gleich übersetzt werden. Eine Empfehlung genügt dafür nicht.
  • Kostenzuordnung. Ohne Abrechnung je Fachbereich verliert eine Plattform ihre Steuerbarkeit und die Frage nach ihrem Nutzen bleibt unbeantwortbar.
  • Identität und Nachvollziehbarkeit. Anmeldung über den bestehenden Verzeichnisdienst, Berechtigungen über bestehende Gruppen und die Möglichkeit nachzuvollziehen, welche Konfiguration eine bestimmte Übersetzung erzeugt hat.

Steuerung über Workflows

In unserem KI-Übersetzungs-Agenten KIUEA beantwortet ein einzelnes Konzept diese Anforderungen: der Workflow. Er bündelt als Konfigurationsdatensatz alles, was das Verhalten einer Übersetzung bestimmt, also das KI-Modell, die Prompt-Vorlage, den zuständigen Fachbereich, die aktivierten Bausteine und den Standardwert für die Formalität. Anwender konfigurieren damit keine Übersetzung mehr. Sie wählen einen Workflow und liefern Text oder eine Datei, alles andere ist gepflegte Konfiguration. Damit verschiebt sich die Verantwortung für Übersetzungsqualität von der einzelnen Person auf die Stelle, die den Workflow pflegt und Ergebnisse werden reproduzierbar. Der Fachbereich am Workflow ist dabei mehr als ein Etikett: Er entscheidet, wer ihn nutzen darf und wem die Kosten zufallen.

 

Das Übersetzungsverhalten selbst entsteht aus zuschaltbaren Bausteinen, den Addons. Fünf sind produktiv im Einsatz:

  • Kontext: der fachliche Rahmen, derzeit Standard, Technisch, Marketing, Juristisch oder Kreativ
  • Glossar: übergibt die im Text gefundenen Begriffe als verbindliche Zuordnung
  • Formalität: legt die Anredeform fest, mit dem Workflow-Standard als Rückfallebene
  • Expertenanweisungen: erlauben freien Text, aber nur im Expertenmodus
  • Fachliche Prüfung: weist die Übersetzung einer für diese Sprache zuständigen Person zu

Der letzte Punkt ist wichtiger, als er klingt. Eine Plattform ersetzt den fachlichen Blick nicht. Sie nimmt ihm die Tipparbeit ab und legt eine vollständige, formattreue Fassung zur Prüfung vor, statt ein leeres Dokument.

Warum Terminologie damit verbindlich wird

Was ein Workflow vorgibt, ist der Ausgangspunkt jeder Übersetzung. Der Anwender wählt Zielsprache und Workflow, alles Weitere ist vorbelegt. Freie Zusatzanweisungen stehen ausschließlich im Expertenmodus zur Verfügung, also nur den Personen, für die dieser Modus freigegeben ist. Für die Terminologie ist das der entscheidende Punkt. Ist das Glossar im Workflow aktiviert, gehen die im Text gefundenen Begriffe bei jeder Anfrage als verbindliche Zuordnung mit. Dazu kommt ein Regelblock, der bei jeder Übersetzung verlangt, Eigennamen und Produktbezeichnungen unverändert zu übernehmen und technische Codes zeichengenau zu belassen. In Gesprächen mit Rechts- und Qualitätsabteilungen ist genau das häufig ausschlaggebend. Terminologie ist dort eine Vorgabe und keine Komfortfunktion. Eine Lösung, bei der ein Satz im Eingabefeld die freigegebene Schreibweise aushebelt, erfüllt diesen Anspruch nicht.

Drei Ebenen der Anpassung

Steuerbarkeit endet nicht am Übersetzungsverhalten. Nützlich ist es, drei Ebenen zu unterscheiden, weil sie sehr unterschiedlich viel Aufwand bedeuten.

 

Konfiguration. Der größte Teil aller Anforderungen wird eingestellt, ohne dass entwickelt wird: Workflows und ihre Zuordnung zu Fachbereichen, Prompt-Vorlagen, Bausteine samt Reihenfolge und Einstellungen, Glossare je Sprachpaar, das verwendete Modell, die zugelassenen Eingaben aus Text und Dateien, Kontingente, Prüferzuordnung und Rechte über Verzeichnisgruppen. Ein neuer Fachbereich mit eigener Terminologie und eigenem Ton ist damit eine Aufgabe von Stunden.

 

Erweiterung. Wo Konfiguration nicht ausreicht, gibt es zwei vorgesehene Punkte. Ein neuer Baustein liefert einen Beitrag zur Anweisung an das Modell und wird anschließend wie jeder andere zugeschaltet, etwa für kundenspezifische Schreibregeln oder Referenzübersetzungen aus einem vorhandenen Translation Memory. Und ein weiteres Dateiformat erfüllt denselben schmalen Vertrag wie die bestehenden vier.

 

Anpassung an Unternehmensvorgaben. Erscheinungsbild, Benennungen in der Oberfläche, zusätzliche Oberflächensprachen, eigene Auswertungen und die Anbindung an ein Dokumentenmanagement oder ein Redaktionssystem lassen sich anpassen, ohne die Übersetzungslogik zu berühren. Möglich ist das, weil Steuerung, Dateiverarbeitung, Konfiguration und Darstellung getrennt sind.

Was sich im Alltag ändert

Aus diesen Eigenschaften ergeben sich fünf praktische Effekte.

  • Durchlaufzeit in Minuten statt Wochen. Eine 100-seitige Preisliste als PDF ist bei uns nach rund dreieinhalb Minuten übersetzt, ein technisches Handbuch mit 230 Seiten nach fünf bis sechs Minuten. Die große Mehrheit aller Übersetzungen liegt unter einer Minute. Die verbleibende Zeit im Prozess ist die fachliche Prüfung, nicht die Übersetzung.
  • Änderungen sind kein neuer Auftrag mehr. Wenn eine Korrektur im Ausgangsdokument nur Minuten kostet, wird sie auch gemacht. Fremdsprachige Fassungen bleiben damit auf dem Stand des Originals, was bei externer Beauftragung selten gelingt.
  • Kein zweiter Prozess im Layout. Weil das Ergebnis im Ausgangsformat mit erhaltenem Layout zurückkommt, entfällt die Nacharbeit, die bei externer Übersetzung von PDF- oder InDesign-Dateien regelmäßig anfällt.
  • Kosten werden sichtbar und zuordenbar. Verbrauch und Kosten laufen an einer Stelle zusammen und lassen sich je Fachbereich auswerten. An die Stelle einer Rechnung pro Auftrag tritt eine laufende Kostenstelle, die planbar ist.
  • Dokumente verlassen das Unternehmen nicht. Preislisten, Konstruktionsunterlagen und Verträge gehen nicht an einen externen Dienstleister, sondern bleiben in der eigenen Umgebung. Für viele Unterlagen ist das der eigentliche Grund für eine eigene Plattform.

Fazit

Die Frage ist nicht mehr, ob ein Sprachmodell gut übersetzt. Sie lautet, ob die Ebene darüber existiert: Wer legt Terminologie verbindlich fest, wer verantwortet die Tonalität eines Fachbereichs, wem werden Kosten zugeordnet, kommt das Dokument formattreu zurück, und wie weit lässt sich die Plattform an die eigenen Vorgaben anpassen. Wo diese Ebene fehlt, bleibt KI-Übersetzung ein Werkzeug für Einzelfälle. Wo sie vorhanden ist, wird sie zu einem Prozessschritt, der Wochen auf Minuten verkürzt und aus wiederkehrenden fünfstelligen Aufträgen eine kalkulierbare Position macht.

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